Mittwoch, 25. April 2018

Das Affenmärchen

Darwin vertrat die Meinung, der Mensch sei ein reiner Fruchtesser. Dafür spricht die Zahnformel sowie die Anatomie des Darmes und äußerer Extremitäten.
"Der Mensch ist anatomisch nicht in der Lage, größere Tiere zu erlegen und muss sich insofern einst rein pflanzlich ernährt haben."
Provegane Ärzte, Ernährungswissenschaftler, Ernährungsberater, Tierrechtler und Organisationen wie Peta haben diese These ungefiltert übernommen. Sie teilen und propagieren sie bei jeder Gelegenheit mit Grafiken und pseudowissenschaftlichen Erklärungen.
Ich glaube nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt und man deshalb fragwürdige Informationen verbreiten sollte, die jeder Logik entbehren.
Es scheint für die Befürworter der These nur zwei Optionen zu geben: Unsere Vorfahren ernährten sich rein pflanzlich und/oder sie aßen das Fleisch erlegter Wirbeltiere.
Demnach lebte der Mensch einst lokal, an Früchte gebunden. Als es dort zu eng wurde oder die natürlichen Ressourcen versiegten, breitete er sich in der Welt aus und ging (fließend) dazu über, mit Werkzeugen warmblütige Säugetiere zu erlegen.
Das stellt die Definition frugivor und omnivor lebender Spezies in ein falsches Licht. Ein reiner Fruchtesser ist auf bestimmte Fruchtsorten spezialisiert, die saisonal unabhängig zur Verfügung stehen. Er ist insofern lokal gebunden, außer Stande, sich über den Bereich des Nahrungsangebots hinaus zu verbreiten. Der Mensch war jedoch schon immer in der Lage, Insekten und Weichtiere in großer Zahl zu sammeln und zu verspeisen. Würmer, Schnecken, Muscheln, Krebse, Amphibien, Vogeleier und Küken kann er leicht erbeuten.
Sein großes Gehirn hat einen sehr hohen Proteinbedarf und es ist insofern zweifelhaft, dass er tierische Proteinquellen als sekundär betrachtete. Sicher kamen nicht erst die Franzosen auf die Idee, Schnecken, Austern und Frösche auf die Speiseliste zu setzen. Die Witchetty-Made, eine große Holzbohrerlarve, galt einst als wichtigste Proteinquelle Australischer Ureinwohner und wird auch heute noch gern gegrillt.

Trotz der hohen Zahl tierischer Proteinquellen, die sich dem frühen Menschen bot, behaupten Mischköstler bei jeder Gelegenheit, dass unser Gehirn nicht ohne Fleisch seine Größe und Leistungsfähigkeit erreicht hätte. VeganerInnen verweisen dann auf karnivore Löwen oder Krokodile, deren Gehirne seit Jahrtausenden gleich groß oder klein bleiben.
Auch Schimpansen jagen regelmäßig kleinere Primaten und andere warmblütige Tiere.
Warum werden sie nicht schlauer, wenn sie andere Tiere essen? Was unterscheidet sie von den frühen Menschen?
Der frühe Mensch hat begonnen, seine Nahrung über dem Feuer zu garen. Hitze denaturiert (spaltet) Eiweißketten, welche dann die Blut-Hirn-Schranke überwinden können.
Die Blut-Hirn-Schranke schützt das Gehirn vor Stoffen, die in unsere Blutbahn gelangen. Das gilt sowohl für Dreck als auch für eine Vielzahl von Amino- und Fettsäuren, sofern sie nicht durch Hitze denaturiert werden. Mit der denaturierten Nahrung wurde also eine große Menge an Nährstoffen für ein großes Gehirn gewährleistet. Ein evolutionärer Vorteil.
Mit unserem Schwarz-Weiß-Denken unterstellen wir dem frühen Menschen, nur Leichen gegrillt zu haben, jeden Tag Barbecue, bis jemand zufällig das Brot erfand.
Als Jäger und Sammler grillte, röstete und garte der frühe Mensch sicher einen Großteil von dem, was er fand. Knollen, Triebe, Nüsse, Samen, Krebse, Muscheln, alles wurde mal im erhitzten Zustand getestet und das Meiste für gut befunden.
Es macht keinen Sinn, sich drüber zu streiten, wie sehr das Fleisch erlegter Tiere als Eiweißlieferant ins Gewicht fällt. Das Feuer ist der wesentliche Aspekt für das Wachstum unseres Gehirns, nicht die Leichenteile.


Leider wird nicht nur der Mensch fälschlicherweise als reiner Fruchtesser betitelt, auch Menschenaffen müssen dafür herhalten und werden gern als proveganes Argument verwendet.
Wenn ich Menschenaffen erhöhe, indem ich ihnen etwas Positives andichte, ist das "positiver Speziesismus" (analog zum "positiven Rassismus" -> schwarze Menschen können schnell laufen, toll singen, haben "den Längsten", etc.).
Man weiß seit langer Zeit, dass Gorillas regelmäßig Termiten, Ameisen und andere Insekten fangen und verspeisen. Auch Eierklau und Kannibalismus wurden festgestellt. Orang Utans ernähren sich unter Anderem von Insekten, Schimpansen jagen im großen Stil Säugetiere und das gilt auch für die beliebten Bonobos.
Der Verzehr anderer Tiere ist für wild lebende Menschenaffen ernährungsphysiologisch relevant und so bleibt die Frage, warum sich die Mär vom veganen Gorilla dennoch so hartnäckig hält.
Es ist wohl schmeichelhaft, sich mit einem so kraftvollen Tier zu vergleichen.
Die Gewissheit, dass wir nicht auf den Verzehr anderer Spezies angewiesen sind, sollte uns eigentlich reichen.
Wir können locker vegan leben, ohne uns etwas anzudichten, ohne uns zu romantisieren, Eitelkeiten zu pflegen und biologische wie evolutionäre Fakten nach unseren Vorstellungen zurechtzubiegen.
Wenn wir wollen, dass man uns ernst nimmt, sollten wir keine Märchen erzählen, selbst wenn sie von Darwin stammen.
Wir sind Frucht- Frosch- und Schneckenfresser mit einem großen Gehirn, das kritisch denken kann, mit einem Gewissen und moralischen Optionen, die wir nutzen können.

Und dann wäre da noch die Sache mit den "Reißzähnen"...